Inhalt: Darstellung der Perspektiven auf das Thema „Kulturelle Aneignung“ an einem Beispiel auf Twitter und Folgefragen.
Kulturelle Aneignung. Wer hat noch nicht davon gehört? In allen Gassen wird es beraunt. Doch was es eigentlich sein soll, das erfährt man nur selten. Stattdessen wird es stets kritisch kommentiert und dabei (mindestens) die Hälfte weggelassen, so dass man sich als Bürger schön aufregen kann, über den „neumodischen Quatsch“. Anbei ein Twitter-Dialog zum Thema. Anlass dieser Diskussion war Helges Schneider Kommentar bei Maischberger: „Wenn jemand anderes sagt: ‚Das ist kulturelle Aneignung‘ – das interessiert mich ’nen Scheißdreck.“ Dieser Aussage war die Falschdarstellung Maischbergers vorausgegangen, dass es eine Diskussion darüber gäbe, dass „ein weißer Musiker kein Jazz und kein Reggae spielen soll, weil das kulturelle Aneignung ist“ (nachzulesen bspw. hier). Problematisch hieran ist bereits, dass Maischberger anscheinend eine sehr stereotype Vorstellung von Kritik an kultureller Aneignung hat, die sie unkritisch weiterverbreitet. Dementsprechend kontrovers wurde Schneiders Äußerung in den sozialen Medien diskutiert. Nachfolgend ein Gespräch von zwei Personen (und kurzzeitig einer weiteren Person X) über die Kulturelle Aneignung von Elvis Presley, der mit der eigenen Interpretation von Blues und Rock zum ersten Weltstar wurde, während POC-Musikern solche Erfolge verwehrt blieben.
Person A (zu „Kulturelle Aneignung“):
Sowohl PoC als auch white people geben diesen Unsinn von sich & sinnieren von Machtgefällen. Elvis hat man vorgeworfen mit black Music reich geworden zu sein. Tyler Swift wirft man vor, ihre HipHop & R&BInspirationen seien kulturelle Aneignung. etc. Das ist Kultur-Apartheid!
Person X:
Du vermischt hier verschiedene Zeiträume. Elvis kam der strukturelle Rassismus seiner Zeit sehr gelegen. Die meisten Radiosender der 50er/60er spielten keine Musik von Afroamerikanischen KünstlerInnen. Elvis selbst musste keine aktiven rassistischen Motive hegen um zu profitieren
Person A:
Die 60s waren sicherlich eine besondere Zeit. Dennoch dürften auch Dir Persönlichkeiten wie Chuck Berry oder Little Richard was sagen? Dieser „strukturelle Rassismus“ eröffnete komischerweise also auch schwarzen Musikern zahlreiche Möglichkeiten…Im Übrigen habe ich ja mit Tylor Swift ein gegenwärtiges Bsp. für erfoglose Diskreditierungsversuche gebracht (now amd then). Zu dem ist doch gerade Elvis ein tolles Bsp. für die Vermischung weißer & schwarzer musikalischer Traditionen…Darüber hinaus negiert dein Vorwurf einwenig, dass auch Schwarze Elvis & seine Musik sehr mögen. Nicht zu vergessen die Millionen an Tantièmen, die viele schwarze Künstler/Songwriter über die vermeintliche kulturelle Aneignung hinwegtrösten…Ebenfalls sollte beachtet werden, dass mit der Aneignung schwarzer Musik durch weiße Künstler, die wirklich erfolgreiche Zeit dieser extrem benachteiligten Gruppe eingeläutet wurde. Jeder hört mittlerweile eine Alica Keys, einen Snoop Dog oder meinetwegen eine Whitney Houston…Das muss alles so grausam sein!? „Du sollst nicht schwarze Musik spielen, wenn deine Haut weiß ist“
Person B:
Finde ich spannend, wie ihr Argumentationsversuch – mit nebenbei bemerkt etwas zweifelhaften Versuchen der positiven Umdeutung, z.B. „die Millionen an Tantiemen“ – eben nicht entkräftet, dass kulturelle Aneignung am Beispiel Elvis berechtigt problematisiert werden kann. Dass es vielleicht auch positive Nebenwirkungen gab – belegfrei von Ihnen angeführt übrigens -, gleicht eben nicht den problematischen Akt aus, dass sich eine Person an kulturellen Stilen/Techniken einer marginalisierten/von gesellschaftlicher Repression betroffenen Gruppe bedient, ohne dabei die gleichen Marginalisierungs-, Exklusions- und Repressionserfahrungen machen zu müssen, sondern stattdessen (und das ist ja m.E. der springende Punkte) extrem davon profitiert. Dementsprechend ist auch Ziel dieser Debatte nicht: „Du sollst nicht schwarze Musik spielen, wenn die Haut weiß ist“ (der Strohmann, gegen den Sie argumentieren), sondern ein gesellschaftliches Bewusstsein für eben genau diese destruktiven Prozesse und Strukturen. Und daraufhin könnte (muss aber nicht!) sich dann ein/eine Künstlerin die Frage stellen, ob die unkritische Aneignung eines Stils, einer kulturellen Technik, wirklich eine gute Idee ist oder ob man ggf. Gruppen die diesen Stil entwickelt haben und diesen eben kultivieren an der dadurch erhaltenen Anerkennung teilhaben lässt. So verstehe ich diese Debatte, bin aber für alle Ergänzungen und Widersprüche offen.
Person A:
Zunächst danke für Ihre Rückmeldung! Meine Ausführungen sind aber keinesfalls „belegfrei“. Sie haben weiter oben sicherlich gelesen, dass ich bspw. Chuck Berry & Little Richard als (schwarze) Idole des RockNRoll erwähnte? Wenn Ihnen das nicht genügt, nehmen wir Jazz. Wie viele herausragende weiße Jazz Musiker kennen Sie? Keinen?! Schwarze von internationalem Renommee aber gewiss – z.B. Louis Amstrong oder Miles Davis?! Das kann man jetzt über sämtliche Genre hinweg -ewig- so weitermachen. Ihre Behauptung läuft hier ins Leere. Bei dem was Sie beschreiben handelt es sich im Übrigen gerade nicht! um kulturelle Aneignung, sondern vielmehr um klassischen Rassismus! Bleiben wir bei Elvis. Da Elvis in einem schwarzen Viertel aufgewachsen ist & gerade deshalb eine bestimmte Prägung erfuhr, einen gewissen Style adaptieren konnte, ist der Kontext ganz eindeutig seine soziale Herkunft! Dass er den Style der Schwarzen mit einer eigenen Mixtur garnierte & damit etwas unvergleichliches erschuf, ist aber weder ausnahmslos der Verdienst der schwarzen Community, noch ist es kulturelle Aneignung, sondern zuvorderst mal seine eigene Kreativität, sein Können, seine Schaffenskraft! Er hatte ja als kleiner Bub auch gar keine Möglichkeit sich diesen Prägungen, den musikalischen Einflüssen, den Tänzen, dem Gospel usw. zu entziehen! Oder sollen wir ihm das vorwerfen? Er war also unweigerlich damit konfrontiert. Dass er mit dem was er tat & wie er es tat letztlich sehr erfolgreich wurde & PoC, die weiß Gott nicht minder talentiert waren & sind, nicht, lag & liegt am Rassimus, aber doch nicht daran, dass er irgendwelche musikalischen Töne & Moves für sich (alleinig) „beansprucht“ hätte! Er profitierte davon, weil es im Amerika dieser Zeit rassistische Motive gab, ihn ggü. Schwarzen zu bevorzugen! Keine Frage! Und doch war er auch Brückenbauer.
Sein song „if i can dream“ in Anlehnung an den Satz von M.L.King „i have a dream“, ist Zeugnis dessen. Er nutzte also seine Berühmtheit. Bspw. waren auch seine Background Singer durchmischt & divers aufgestellt. Er war da seiner Zeit voraus! U.a sang die Mutter von Whitney Houston mit ihm! („Zwinkerndes Gesicht“) Elvis wird darüber hinaus von der Black Community überaus geschätzt, aber Woke meinen das per Handstreich negieren zu dürfen, in dem sie alle & jeden mit Unterstellungen & Verleumdungen beschmutzen! Das ist nicht richtig! Und wissen Sie, wenn ein Künstler, der, wie wir beide übrigens auch, bestimmten Einflüssen & Prägungen ausgesetzt ist, sich nach Ihrer Lesart bei jedem Werk das er kreiert fragen müsste, ob er denn jetzt irgendeine Minderheit benachteiligen und/oder kulturell verletzen könnte sich bei jeder Nuance Gedanken machen soll, ob er durch sein Wirken & seinen Erfolg marginalisierte Gruppen „am Boden“ & dadurch „klein“ hält, dann sage & rate ich jedem Künstler – haltet es wie Helge Schneider – gebt einen fick darauf! Denn das was Sie hier einfordern, ist nichts weiter als die Unterdrückung von Kreativität. Es wäre der Tod allen schöpferischen Denkens & Handelns allen produktiven Wirkens, jedwede Vermischung würde ausgelöscht, alles muss steril voneinader getrennt werden.
Das ist aus meiner Sicht strikt abzulehnen! Vom kulturellen Austausch haben nämlich alle profitiert – Weiße & Schwarze, Künstler & Publikum. Wer ihn nun bekämpft im Sinne eines nebulösen Begriffs der Aneignung, wird den Rassismus eher fördern als vermindern. Das ist aus meiner Sicht strikt abzulehnen! Vom kulturellen Austausch haben nämlich alle profitiert – Weiße & Schwarze, Künstler & Publikum. Wer ihn nun bekämpft im Sinne eines nebulösen Begriffs der Aneignung, wird den Rassismus eher fördern als vermindern. In Hitparaden rund um die Welt. „Für mich fühlte es sich damals an, als ob jemand mein Lied gestohlen hätte“, erinnerte sich Womack. Die ersten Tantiemen-Schecks linderten den Schmerz des Autoren gewaltig. „Das änderte alles“, räumte er später ein. Kein Wunder, denn allein dieser Song unterstütze ihn finanziell sein Leben lang.“ Quelle: [https://spiegel.de/kultur/musik/bobby-womack-ist-tot-soulsaenger-und-songwriter-a-978092.html
Person B:
So, also vielen Dank für die umfängliche Rückmeldung, ich versuche mal auf die vielen Themen, die sie aufgemacht haben (warum eigentlich so umfangreich?) hier zu antworten, den Rest dann vielleicht doch per PM. Zunächst: Belegfrei bezog sich nicht auf Chuck Berry & Little Richard, sondern auf die von Ihnen erwähnten Millionen von Tantiemen. Sie haben einen Artikel über Bobby Womack angehängt und dort wird erwähnt, dass er Tantiemen erhalten hat (was ja auch das Mindeste ist, wenn man einen Song covert), das ist zumindest ein Beleg dafür, dass Bobby Womack Tantiemen erhalten hat – einen Beleg für eine behauptete Millionenhöhe sehe ich nicht, ist wahrscheinlich auch nicht zu belegen, können wir hiermit auch vernachlässigen.
Bei Tweet 2 verstehe ich nicht ganz, welche Behauptung von mir ins Leere läuft? Die Behauptung Ihrer Belegfreiheit? Diese wäre hiermit ja besprochen. Mir persönlich ist umgehend Dave Brubeck eingefallen, einer der wenigen Jazzmusiker, die ich überhaupt kenne – habe ich Ihre Theorie damit widerlegt? :). Aber darüber brauchen wir uns auch nicht unterhalten, denn da bestreite oder behaupte ich gar nichts, zumindest wüsste ich nicht was?
Die ganze Geschichte mit Elvis ist interessant und dass Sie ihn so strikt verteidigen ist auch schön, ich persönlich habe Elvis jedoch weder angeklagt, noch möchte ich ihn canceln oder sonst irgendwas. Ich sage lediglich, der Akt der kulturellen Aneignung bei Elvis, also das verwenden von Stilen und kulturellen Techniken marginalisierter Gruppen, ohne dementsprechende Marginalisierungserfahrungen machen zu müssen, sondern stattdessen extremen Erfolg damit zu haben – kann berechtigt problematisiert werden. Ich behaupte nicht, Elvis habe diesen Akt aus Boshaftigkeit begangen, vielleicht ja nicht mal bewusst und er war sicherlich eine total dufte Type, vielleicht hat er auch gemerkt, was er da gemacht hat und hat deswegen mit der Mutter von Whitney Houston gesungen, das ist doch alles schön und gut, löblich gewiss auch, das entproblematisiert den Akt per se aber nicht, weshalb man diesen natürlich kritisieren kann, aber Elvis deshalb auch natürlich nicht verleumden sollte. Ich mache das zumindest nicht.
Problematisch finde ich Ihre Umdeutung, dass die kulturelle Aneignung doch letztlich positiv für die PoC-Musiker in den USA war. Dieser Zusammenhang ist unterkomplex, denn sicherlich haben weitere Entwicklungen in den USA (z.B. Bürgerrechtsbewegung, um nur eine zu nennen) die Lebensbedingungen und die gesell. Repräsentanz von PoC verbessert, diese wurde hart erkämpft und war nicht das Nebenprodukt von weißen Künstlern, die sich in einschlägigen Stilen betätigt haben, so viel sollte dazu noch gesagt sein.
Weiterhin haben Sie meine Definition von kultureller Aneignung kritisiert, das ist auch ok, was ich geschrieben habe (siehe oben) ist aber nicht einfach Rassismus. Kulturelle Aneignung nach obiger Definition (über die tatsächliche Definition lasse ich mich gerne aufklären) funktioniert ja eben nur, da es strukturellen Rassismus gab und natürlich immer noch gibt! Er ist das Hintergrundrauschen dieses Aktes und deshalb ist ja auch das Ziel dieser Debatte m.E. diesen strukturellen Rassismus bewusst zu machen und nicht irgendwelche Verbote auszusprechen, das macht ja auch keiner, außer vielleicht kleine radikale Gruppen, deren Forderung dann von konservativen Multiplikatoren verkürzt und polarisierend weitergetragen wird, worüber sich dann jeder uninformiert, aber im Brustton der Überzeugung (wie Helge Schneider) aufregt. Diese Polarisierung kann ich bspw. in Ihren Tweets auch erkennen, bspw. wenn Sie mir vorwerfen, ich würde etwas einfordern, das „nichts weiter als die Unterdrückung von Kreativität“ ist. Wenn Sie sich meinen Tweet noch einmal durchlesen, dann steht dort: „Und daraufhin könnte (muss aber nicht!) sich dann ein/eine Künstlerin die Frage stellen, ob die unkritische Aneignung eines Stils, einer kulturellen Technik, wirklich eine gute Idee ist oder ob man ggf. Gruppen die diesen Stil entwickelt haben und diesen eben kultivieren an der dadurch erhaltenen Anerkennung teilhaben lässt.“ Zunächst: muss aber nicht! Und: das heißt definitiv nicht, dass sich jeder Künstler „bei jedem Werk das er kreiert fragen müsste, ob er denn jetzt irgendeine Minderheit benachteiligen oder …verletzen könnte“ oder sich bei jeder Nuance“ Gedanken machen soll. Sie bauen hier erneut Strohmänner und das ist nicht gerade redlich. Und so wird diese Debatte geführt, was im Prinzip eine Katastrophe ist.
Genauso wenig (außer Sie können es mir nachweisen) argumentiere ich für eine Auslöschung jedweder Vermischung oder eine sterile Trennung – das ist für jeden ersichtlich absurd und niemand behauptet so etwas ernsthaft (über Belege, dass dies doch jemand fordert, der nicht gerade Mitglied bei der Identitären Bewegung ist, wäre ich auch mal dankbar). Also bitte Vorsicht vor den Phantasmen, die in diesem Diskurs Einzug erhalten haben. Dafür würde ich argumentieren.
So, das ist jetzt eigentlich schon viel zu viel. Noch zu Helge Schneider: Seine Aussage halte ich für dumm und ignorant (weil er überhaupt nicht weiß, worüber er redet), obwohl ich seine Kunst sehr schätze (geht beides). Das würde ich aber evtl. an anderer Stelle noch einmal ausführen.
Person A:
Sorry, bisschen verspätet. Viel um die Ohren 🤷♂️. Ich möchte das hier an der Stelle abkürzen. Auf einen Nenner werden wir i.M. nicht kommen. Ihre Anregungen nehme ich dennoch zum Anlass weiter nachzudenken. Ich danke Ihnen herzlichst für die aufgeschlossene Diskussion👏 (#rarity)
Person B:
Das ist völlig in Ordnung und auf einen Nenner muss man ja nicht immer kommen. Ich danke Ihnen ebenfalls für die Diskussion und nehme auch Anregungen fürs Nachdenken mit – es ist aber auch wirklich eine komplexe Angelegenheit. Ihnen alles Gute.
Ende
Was meint ihr?
- War die Aussage von Helge Schneider nachvollziehbar und kann man dieser zustimmen
- Haben Künstlerinnen Verantwortung dafür, was sie als Inspiration verwenden, woran sie sich bedienen?
- Ist Kunst ein symbolisches Spiel, das keinen Regeln zu gehorchen hat oder muss auch diese ethischen Überlegungen gerecht werden?
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