Das Mood-Projekt

Selbstmotivation und Selbstoptimierung: zwei Schlagworte, die dem modernen Menschen fast täglich ins Gesicht geschleudert werden – mir zumindest auf Instagram. Dort strotzt die Timeline nur so vor Videos, die einen zum Gasgeben animieren, dazu, sich endlich seine Träume zu erfüllen, denn man muss ja nur damit anfangen und dann wird man schon sehen, was man davon hat. Sich scheinbar widersprechend gibt es dann auch Videos, die einen starken Selfcare-Charakter haben, also im Sinne von: lass doch gut sein, mach mal langsam, du musst nicht so viel schaffen, dennoch mit dem Ziel: Happiness in einer – hier implizit vermittelten – Vorstellung von Erfolg. Happiness ist Erfolg und Erfolg ist Happiness. Erfolgserwartungen dürfen also anscheinend nicht fehlen, egal ob das bedeutet, viel Geld zu haben oder für seine Mitmenschen ein besonderes Individuum zu sein. Man soll sich also nicht mehr nur für sich selbst, sondern für die Gemeinschaft opfern. Wir verlagern unsere Selbstausbeutung in eine seltsame Form des Altruismus, der dann doch so uneigennützig nicht sein will und spirituell schon gar nicht. Sich aufarbeiten für die Gesellschaft ist das neue „Karrieremachen“, sicherlich positiver, aber sinnvoller (gefragt, ohne eine Antwort zu haben)? So erscheint mir eine Facette des Zeitgeistes zumindest.

Für Mittelmäßigkeit oder gar Versagen ist da kein Platz. Aber wo ist der schon? Wo ist Platz für Stimmungen, die gesellschaftlich nicht gern gesehen sind und die man auch nicht für berufliches Funktionieren ausnutzen kann, wie bspw. Trauer, Melancholie, vielleicht auch depressive Stimmungen? Wer diese hat, ist unproduktiv und wenn man etwas gar nicht sein darf, dann unproduktiv (im kapitalistisch verwertbaren Sinne natürlich). Man kann ruhig aggressive Stimmungen haben, sogar funktionaler Autismus ist akzeptabel, wenn man das Ganze wirtschaftlich verwerten kann (bspw. der cholerische Abteilungsleiter, der Mathematik-Savant als Finanz- oder Daten-Analyst).

Umso wichtiger, dass wir wieder etwas mehr Platz für die wirtschaftlich Überflüssigen schaffen, diejenigen, die nichts hinkriegen, weil sie matt sind, down, gebeutelt, erschöpft, von sich und anderen, die man lediglich als Belastung wahrnehmen möchte. Daher und durch humoriges Herumexperimentieren mit meinem Smartphone und meinen Mundwinkeln entstand also die Idee zu einer neuen Fotoserie mit dem Namen „Moods“, die ich euch heute vorstellen möchte und die vielleicht auch eine Zukunft haben wird (außer mir wird langweilig und ich mache lieber was anderes, mal sehen. ;)).

Die Bilder in „Moods“ sind keine herkömmlichen Selbstporträts. Stattdessen zeigen Sie Menschen, die sich in einer nicht so schönen Stimmung befinden (also sie zeigen mich beim vereinfacht gesagt: Schlechtgelauntsein). Die Bildbeschreibung, die stattdessen im Sprech der ständigen Selbstoptimierung verfasst ist, stellt einen möglichst schnuckeligen Widerspruch her – das Gesehene wird konterkariert und das Absurde (hoffentlich) sichtbar. Zum Lachen soll es aber natürlich auch anregen. Die Bilder sind eine Einladung, das ständige Leistungsstreben zu hinterfragen und es vielleicht irgendwann abzustreifen, wie einen dreckigen Handschuh. Weiterhin, dieses unsinnige Leben nicht allzu ernst zu nehmen und manchmal auch ein wenig zu lachen. Dieses Projekt kann vielleicht eine Erinnerung daran sein, dass die traurigsten Momenten oft unsere tiefste Menschlichkeit in Schwingung versetzen; dass unsere Conditio letztlich doch eine tragische ist, wenngleich man den Optimismus nie verlieren darf; wir eine zum Scheitern verurteilte Spezies sind, in den unterschiedlichsten Gebieten, wie sich immer wieder herausstellt; wir das Scheitern verdammen, aber dieses wiederum unsere einzige Möglichkeit zum Wachstum ist; wir grundlegend verletzlich und einsam sind, vielleicht öfter als es uns lieb ist; wir aufeinander aufpassen und gleichzeitig unsere Grenzen wahren müssen; wir uns nicht ausnützen lassen dürfen, nicht vom Markt, nicht vom Chef, nicht vom Bundeskanzler, nicht von den Freunden und nicht von der Familie; dass wir wertvoll sind, nur weil wir sind. Vielleicht macht das Ganze aber auch einfach nur Spaß, was ebenso schniecke wäre! Willkommen in der Welt der „Moods“, wo das Tragische und das Komische miteinander in den vernebelten Sonnenuntergang tanzen und grunzen wie kleine Ferkelchen mit Propellerhüten.

In diesem Sinne: Bleibt melancholisch, bleibt niedergeschlagen, aber schön, stark und komplex! Und hört auf euch selbst auszubeuten (leichter gesagt als getan)!

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