Sich Dinge einverleiben

Liebes Mitglied der Puchtlerunity,

ich habe mal wieder an einem Wettbewerb teilgenommen, nach einer Empfehlung vom größten Kon aller Zeiten (der aber nichts dem ausschreibenden Verlag zu tun hat, sondern “nur” mit menschlicher Größe): ein Call for Papers zum Thema: Hybrid). Bzw. habe ich es versucht und scheiterte durch Vergesslichkeit: Ich verpasste die Deadline, um einen Tag und die Vorgaben um ca. 1000 Zeichen. Schande! Damn! F***. Damit dieser kleine – wie ich finde ganz schöne – Text jedoch nicht einfach in den Tiefen meiner Festplatte und Selbstbemitleidung versinkt, möchte ich ihn euch zeigen und hoffe, dass er euch etwas Positives bringt oder etwas Negatives, das sich nach jahrelanger Therapie in etwas Positives transformieren lässt. Oder etwas dazwischen.

Zu meiner textlichen Intention: Etwas Wildes schreiben, das Textformen durch- und hinterkreuzt; einen schnuckeligen Ritt machen, durch irres Gelaber, Kürzestlyrik und prosaische Miniaturen; etwas über meine Sehnsüchte und Leidenswege erfahren, mein eigenes Scheitern; etwas anderes versuchen, als ich es selbst erwarten würde (oder andere erwarten würden, was auch immer das sein soll); Ideen spinnen, das Textliche zu verlassen und sowohl Visuelles als auch Auditives (ganz im Sinne von Hybrid) einzubauen (hat leider nicht mehr geklappt); endlich mal wieder etwas Schreiben und sich dabei nicht vernichtet zu fühlen (hat hin und wieder geklappt); Spaß haben? Nein, wir wollen nicht übertreiben!

Ich hoffe jedoch, das ist einigermaßen, irgendwie gelungen und stelle euch hiermit das Textchen mit dem Titel „Sich Dinge einverleiben“ vor. Viel Spaß dabei:


Nachfolgend ein Auszug aus „Absurdes Malen in der Therapie von affektiven Störungen – ein Praxisbuch“, S.34: Anleitung zur Herstellung eines Gemäldes zum Thema „Übergänge“

Lieber Leser, im letzten Kapitel haben wir die Schwammtechnik von Robert Johannsen kennen gelernt. Nun werden wir unser kreatives Tun thematisch anreichern. Die Punkte und Klötzchen, die Pfützchen und Zoften, die wir vorerst noch intuitiv gezeichnet haben, werden wir nun rationalisieren, sie in Gedanken und Gedankenstränge einwickeln. Das erste Thema, das uns hierfür dienen wird lautet: Übergänge. Das heißt, wir brauchen mindestens zwei Farben. Der Leser*in wird sich nun Fragen: nur zwei? Und schon befindet er sich in der Sackgasse seines eigenen Denkens. Daher eine Erklärung: Natürlich brauchen wir für einen Übergang zunächst zwei unterschiedliche Entitäten, die zwar voneinander getrennt sind, sich aber an einem oder mehreren Punkten so schneiden, dass sie ineinander übergehen oder man das Gefühl haben muss, dass diese ineinander übergehen könnten. Wie diese Trennung aussieht: Darüber streiten sich Gelehrte seit Jahrhunderten. Für unsere Arbeit muss dieser einfache logische Satz ausreichen: Ein Ding ist etwas, was ein anderes Ding nicht ist. Kurzer Exkurs: Im Jahr 2005 vernahm ein Leser diesen Satz und strich sich daraufhin über seine knochige Stirn, nur mit den Fingerspitzen von Zeige- und Mittelfinger, auf der sich kein Tropfen Schweiß, aber talgige Überreste seiner Drüsenproduktion befanden. Dieser Leser verlor seine Vorfreude schlagartig – wollte er doch bloß ein schönes Bild malen und musste sich stattdessen mit Dingen beschäftigen, die nicht andere Dinge sind und waren. Das Ganze hätte sich sogar zu einer veritablen psychischen Krise entwickeln können. An dieser Stelle ist also Vorsicht geboten! Nehmen Sie das Gemälde nicht ernster als Ihre eigene psychische Konstitution und vor allem: Atmen Sie, bei jedem Schritt mindestens vier Mal und benennen Sie unterschiedliche Gegenstände, die Sie an dem Ort, an dem Sie sich befinden, sehen können.

Nehmen Sie nun Ihren Johannsen-Schwamm in die Hand und tupfen Sie diesen in die übliche, den Grundton der Psyche darstellende Melange aus Braun und Orange (Wie man diese mischt? Siehe S. 28). Setzen Sie den Schwamm nachfolgend mitten auf das Blatt und tupfen Sie auch dort. Sachte. 3-4 mal, bis es ungefähr so aussieht, als wäre eine pfirsichrunde Kugel (die kein Pfirsich ist) von einer Tischkante auf den Boden heruntergebollert (siehe Abbildung 3). Übergänge und Trennungen, das weiß man, scheinen in allem zu stecken, zumindest versucht sich der menschliche Geist nur zu gern – wenn er sich nicht in einer einzigen Sache auflösen möchte – zwischen zwei Polen zu verlieren, einem verwirrten Elektron gleich. Aber natürlich kann man menschliches Dasein so nicht beschreiben. Man muss auch erwähnen, dass der Mensch sich nicht entscheiden kann und seinem Geist zu gewissen Teilen ausgeliefert ist, den er dennoch triumphierend hochhält wie ein Goldgräberlehrling den ersten selbst ausgebuddelten, braunen Dreckstein, den er versehentlich mit einem Millionen-Dollar-Nugget verwechselt. Nehmen Sie den Rundpinsel und ziehen sie einen ockergelben Schwung mitten durch die pfirsichrunden Abdrücke. Nehmen Sie den 05er Kleinpinsel und ergänzen Sie den Schwung um kleine schwarze Härchen, auf beiden Seiten. Übergänge, Dualitäten, was soll man dazu sagen? Es sind Fiktionen, die so wichtig sind wie Windeln für Männer ab 80. Es sind Zuordnungsmöglichkeiten, Reduktionsinstrumente, Schemata-Builder-Beihelfer. Das schnappatmende Biest hinter den Augen würde sich nur zu gern einfangen lassen, von zweispaltigen Tabellen, aber da es auch drei Möglichkeiten geben kann, außer im Binärcode, sollte man heutzutage eher Matrizenfreund:in werden. Der Leser:in, dessen Bild nicht im Ansatz so aussieht wie die Vorlage in diesem Buch, ist kurz davor seinen 05er Pinsel in die Ecke zu feuern, zu den ungewaschenen Klamotten und dem originalverpackten Luftbefeuchter. Sehen Sie ihn?

Leser sind
schweigende Mehrheit
in einem Spiel
das sie verlieren

Natürlich kann man Übergänge nicht eben einfach so einfangen, wie man bspw. ein Schnabeltier fängt. Übergänge muss man spüren. Nehmen Sie jetzt einen Bleistift und zeichnen Sie das erste, an das Sie sich aus Ihrer Kindheit erinnern können, in den linken oberen Bereich. Führen Sie langsame, zarte Graphit-Schläge aus, dann streicheln Sie ein wenig – es darf frohlockt werden. Und nun, als großen Gegensatz zu diesem ES-artigen Whatever, nehmen Sie einen dicken Filzstift und zeichnen Sie – gegenüberliegend – mit herabjaulender Wucht und einer gewissen Kaltschnäuzigkeit die oberste Regel Ihres Lebens. Ziehen Sie die Linien immer wieder nach, so dass ein drohendes Monstrum entsteht, dem sich der Rest des Bildes nur allzu gerne beugen möchte. Ein Beispiel: der traurige Stefan hat sich in seinem Leben nur einer Vorstellung verschrieben: Dass er etwas leisten muss, um etwas wert zu sein. Dieses Monstrum sitzt tief in seinem Gemälde, es grölt und schluchzt und droht. Es setzt sich auf seinen kleinen, geschunden Körper und schwingt die blutbefleckte Geißel. Wie damals in den schlecht belüfteten Räumen seiner Wohnung, als seine Mutter zu Besuch war und ihr Gesicht zusammenfiel, in eine Fassade aus seltsamer Freundlichkeit, und ihr Mund zu spucken begann, die nebensächlichsten Sachverhalte, nur um ihm letztlich zu raten, endlich zur Ruhe zu kommen, beziehungstechnisch. Während Stefan erst kürzlich Annette aus seinem Leben komplimentierte, da sie ihn fragte, was er eigentlich fühle, wenn er da sitzt, am Fenster und seine dreckigen Fingernägel in seinem Kinn vergräbt. Das wusste Stefan nicht. Sein Bein wurde wilder Schenkel. Und dann die hochziehende Beklemmung am Sternum. Sie stritten sich. Annette warf den Mülleimer nach ihm. „Wer kommt eigentlich durch diese Mauer?“. Und Stefan wusste, dass er es sein lassen würde. Denn in ihm wurde etwas entdeckt, was jeder irgendwann entdeckt. Es kam alles raus. Dass er nichts konnte. Ein echter Organismus, den es abzustoßen gilt. Nichts war in Ordnung.

Nun lieber Leser:in, wischen Sie mit Ihrer rechten Hand über die Leinwand und legen Sie danach Ihre Hand auf Ihre Brust. Spüren Sie das? Spüren Sie Wärme, die sich in Ihrem Inneren niederlässt? Oder den kühlen Zug der Freude darüber, nicht Stefan sein zu müssen und sich niemals so fühlen zu müssen wie er? Oder ziehen sich die Cola-Schnüre endlich enger um Ihren Kragen?

Den letzten
Zwang ausgelöst
arretiert
verfügbar gemacht

Nun gilt es, das Blatt zu falten. Es gilt, die beiden Seiten zu erkennen, sich selbst öffentlich zu machen. Es gilt: Machtlosigkeit. Blicken Sie auf die linke Seite, auf die Strukturen, die Farben – fügen Sie ggf. einzelne hinzu und versehen Sie blasse Konturen mit entschlossenen, schwarzen Fineliner-Strichen. Blicken Sie auf die rechte Seite und erkennen Sie, dass Spiegelungen niemals perfekt sind, auch wenn es den Anschein macht. Warum eigentlich Differenzierung? Warum nicht alles ineinanderlaufen lassen? Weil dann die Welt endet? Was hat Ihnen diese Welt so Gutes getan, dass Sie sie nicht gehen lassen wollen? Doch wie willkürlich ist meine Haut, die meinen Magen davor bewahrt, auf das Kopfsteinpflaster vor mir zu klatschen. Lieber Leser:in, bevor wir zum nächsten Thema gelangen, begleiten wir Cruyff und Chaplin bei ihrem Spaziergang durch die historische Altstadt: Cruyff raucht seine dritte Zigarette. Chaplins Füße zittern ein wenig, jedes Mal bevor Sie auf dem Bürgersteig aufsetzen. „Wenn das für dich so ist, dann kann ich dich nicht mehr als engen Freund bezeichnen“, sagt Cruyff und füllt seine Backen, dann seinen Oberkörper mit Teer und Gestank. Chaplin wird mechanisch. „Ok, dann ist das so, alles klar.“ Stille, Luftzüge, das unbedeutende Labern von Touristen im Hintergrund, ein Brunnen, der gluckst, und Tauben, die sich gegenseitig aus dem Weg schubsen. „Ist das alles?“ Chaplins Gesicht hat die unbeschreibliche Fähigkeit, einem Betonpfeiler gleich, Jahrhundertelang regungslos zu überdauern und dabei mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit wie ein Betonpfeiler ein Stadtbild, für mindestens dieselbe Länge, optisch zu ruinieren. Chaplin war von Cruyff auf mehreren Ebenen enttäuscht. Er verachtete ihn, wenn er massive Burger aß. Er verachtete ihn, wenn er regungslos auf der Couch saß und mit einer Zigarette in der Hand einschlief. Er verachtete die Löcher in seinem T-Shirt, wenn er am Sonntag durch die Fußgängerzone zum Zigarettenautomaten latschte. Er verachtete sich selbst, da er alle Hemmungen fallen ließ, wenn er Cruyff besuchte, obwohl der das eigentlich nicht wollte und doch wollte. Er verachtete ihn für seinen eigenen Lusttrieb, den er sich abzutrainieren versuchte, versunken im Halblotussitz, auf der Suche nach einer Wahrheit, die sich nicht blicken ließ, wie diese junge Frau freitags, in einem Lied von altgewordenen deutschen Hiphoppern. Cruyff dagegen spürte an Chaplin vor allem eines: Nichts. Chaplin hatte eine zweite, grundlegende Fähigkeit: sich selbst und auch seine Emotionen, komplett aus einer Begegnung herauszuhalten. Stattdessen schickte er Gemeinplätze und Rationalisierungen in den Clinch mit der Wirklichkeit der anderen. Er holte aus und begann Sätze mit „das ist interessant, was du sagst, ich habe kürzlich dazu eine Studie gelesen und dort wurde genau dieser Zusammenhang erwähnt…“. Er war ein Gigant der Absenz.

Was Sie als Leser jedoch nicht davon abhalten soll, einen letzten Gedanken, zunächst zu zerkauen und dann in gespuckter Form auf der Leinwand zu fixieren: Wie lässt sich unterscheiden, was außen und innen ist? Sind Sie ich und bin ich sie? Wenn ich sie ansehe, lieber Leser:in, und vertrauen Sie mir einfach, dass ich das kann. Ich möchte nicht sagen, dass ich Kameras in ihrem Wohnzimmer installiert habe oder in Ihrem Badezimmer. Ich möchte aber sagen, dass ich Sie sehen kann, weil ich Menschen sehen kann. Ich sehe Ihre Wesenheiten, die niemals klar und eindeutig sind, wie es dieser hundsblöde Begriff (Wesenheiten) vielleicht vermuten lässt. Ich sehe Sie sehr deutlich und doch sind Sie nur ein Abziehbild, in einer unendlichen Aneinanderreihung von ähnlichen Anderen, in meinem Personengedächtnis, einem Kartenhaus wackliger Evidenz, einer Repräsentation, deren Form und Gehalt sich nicht erschließen lässt, eines wabernden Schädelnebels. Und das ist das Geheimnis, oder? Wie wir als Abziehbilder voneinander es dennoch schaffen, so etwas wie Gemeinschaft und Gesellschaft zu bilden? Wie wir komplexe Interaktionen ausführen können, während wir indes nur virtuelle Agenten sind, digitale Assistenten, Projektionen und Fantasien. Da Gesellschaften sich hauptsächlich von Projektionen und Fantasien ernähren, ist das günstig. Doch: wo beginne ich und wo enden Sie? Spätestens beim Spüren der eigenen Einsamkeit. Hier kann man Individuum sein. Ganz und gar. Im auszehrenden Selbstgespräch mit sich selbst, wenn man stumm geworden ist, weil man nicht mehr weiß, was man noch sagen soll. Wenn man merkt, dass man seltsam geworden ist, unter anderen, wenn man sich nicht mehr vorstellen kann, wer einen halten soll, aushalten kann. Wenn die Tapeten erst zu Freunden und dann zu Erzfeinden werden. Hier ist man selbst. Klar, einfach, störungsfrei, fast vorbei. Außer man sitzt der Idee auf, dass Einsamkeit irgendetwas Heilsames für einen selbst bedeuten könnte. Dann ist man wieder falsch abgebogen. Man kann nur eines sicher wissen: dass man nur sehr wenig sicher wissen kann. Sie dachten jetzt kommt: dass man nichts weiß. Aber das ist ein zu alberner Widerspruch, nicht wahr? Gefällt Ihnen das?

Dann nehmen Sie nun ihr Gemälde und stürzen Sie sich hinein, in die Pinselstriche, in die Farblosigkeit, in die davonziehende Hoffnung. Lassen Sie alles gehen, was Sie nicht mehr brauchen (das wird vieles sein). Nehmen Sie einen Bissen von Ihren Glaubenssätzen und Ihrer Vergangenheit. Lassen Sie alles in sich übergehen. Und blättern Sie dann auf die nächste Seite. Dort finden Sie kreative Bastelideen zum Thema „Gott und die Welt und meine Nachbarin“. Viel Spaß dabei!


Wenn ihr mir zu dem Text etwas sagen wollt – wie immer gerne! Ansonsten: Bleibt schön, stark und komplex!

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